ALL-IP im gewerblichen Bereich und die damit verbundenen Probleme

ALL-IP, was ist das eigentlich ?
ALL-IP ist der letzte Schritt zur Vereinheitlichung der Kommunikationstechnik zwischen Kunden und Provider. Das bedeutet das nun auch Telefongespräche, Fernsehen usw. über ein und dieselbe Technologie abgewickelt werden, über IP.
Hatte man bisher einen Telefonanschluss, ISDN oder Analog, und Internet parallel, wird nun alles über die Internetleitung laufen.
Für Provider bedeutet das eine Vereinfachung der Technik. Sie können "alte" TK-Infrastruktur abbauen. Daher möchten die Provider natürlich so schnell wie möglich alle Anschlüsse einheitlich haben, das spart Geld.
Bedeutet das nun für Kunden die bestehende eigene TK-Infrastruktur abzureißen und eine neue aufbauen zu müssen ? Die Antwort ist wie immer nicht einfach.

Das Problem ist das die bisherigen Telefonanlagen natürlich nicht 1zu1 weiter genutzt werden können, da ein ALL-IP-Anschluss keine ISDN oder Analogleitungen mehr hat. Allenfalls in kleineren Umgebungen, also im Privatkundenbereich beispielsweise, haben die Internetrouter VoIP-Fähigkeiten und bieten einen internen ISDN oder/und Analogport für den Anschluss herkömmlicher Telefongeräte an das VoIP-Netz an. Das reicht im gewerblichen Bereich, für Firmen >=10 Mitarbeiter in der Regel nicht aus. Denn diese Kunden haben keine einzelnen Telefonanschlüsse. Hier geht es in der Regel um ISDN-Anlagenanschlüsse mit X mal 2 Leitungen (BRI) oder gar um Anschlüsse mit 30 Leitungen (ISDN PRI) die alle mit derselben Kopfnummer verknüpft sind. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Für diese Kunden bieten Provider oftmals keine richte Alternative im ALL-IP-Wahnsinn an. Die Telekom beispielsweise hat z .Zt. kein Angebot was einem Anlagenanschluss der u. U. mehre hundert Nummern beherbergt gleichkommt, parat. Solange das so ist, kann man nur hoffen das die Provider bestehende Anlagenanschlüsse nicht kündigen.

Für den Gewerblichen Bereich gibt es auch technisch gesehen einige Probleme. Dinge wie Fax, analoge Modem- oder digitale ISDN-Daten-Verbindungen, die vielerorts noch fleißig genutzt werden, sei es für die Remoteeinwahl bei paranoiden Kunden, Datenerfassung, Datenabfrage etc., sind bei vielen Providern nicht mehr möglich. Fax-Übertragung (t.38) gehört bei bereits lang etablierten VoIP-Providern zum Standard, bei der Telekom beispielsweise scheinbar nicht.
Bei Datenverbindungen mit analogen Modems oder digitalen Verbindungen wie Sie vorher über ISDN realisiert wurden, sind da schon ein anderes Thema. Solche Dinge gehen bei vielen Provider nicht. Dafür gibt es nämlich keinen einheitlichen Standard. Aus meiner Sicht ist hier momentan das s.g. "clear mode channel" (RFC 4040) die richtige Methode um solche Verbindungen trotzdem zu ermöglichen. Man kommt meist nicht auf die maximal mögliche Geschwindigkeit, aber hauptsache es geht. Diese Art der Übertragung bieten aber nur wenige Provider an.
All das bedeutet für den Kunden, das er sich genau den Ist-Zustand seiner "alten" Struktur ansehen muss, um festzustellen was gebraucht wird. Braucht man definitiv Modemeinwahl oder ISDN Einwahl oder dergleichen, dann muss man sich vergewissern das der Provider das auch grundsätzlich unterstützt. Darüber hinaus muss man dann noch sehen wie man seine "alte" Technik auf die neue umgesetzt bekommt. Das geschieht in der Regel mit Hilfe eines s.g. Mediagateways. So ein Mediagateway ist eine Art Adapter. Es verbindet und übersetzt "alte" Technik zu VoIP und umgekehrt. Mit alter Technik ist hier Analog, ISDN und alles was bisher Telefonie ermöglichst hat gemeint. Auch hier muss darauf geachtet werden das Fax- und Datenverbindungen mit dem gewählten Produkt möglich sind.
Der Einsatz eines Mediagateways ist an dieser Stelle durchaus auch etwas positives, es ermöglicht nun nämlich die s.g. sanfte Migration der TK-Infrastruktur. Hat man ein solches Gateway zwischen der "alten" TK-Anlage und dem ALL-IP-Anschluss, dann kann/können parallel eine oder mehrere weitere VoIP Systeme angebunden werden. Hat man das das VoIP System etabliert und funktional kann man das alte System sukzessive abbauen, oder aber einfach bestehen lassen.

Fassen wir zusammen: Für den Erfolgreichen Umstieg auf einen VoIP-Anschluss müssen folgende Voraussetzungen mindestens gegeben sein:

1) Provider bietet "Anlagenanschlüsse", also Anschlüsse mit einer Kopfnummer und einem Durchwahlblock an, bzw. die Übernahme der bisherigen Rufnummern.

2) Kostenvergleich. Der Anschluss sollte im Grundpreis nicht mehr als der alte Kosten. Die Gesprächstarife sollten auch günstiger sein als die alten.

3) Es wird ein passendes Mediagateway für die Anbindung der "alten" TK-Anlage benötigt. Passend bedeutet das Gateway muss die Anschlüsse des bisherigen Telefonanschlusses vollständig emulieren können, so, dass sich für die "alte" TK-Anlage nichts oder wenig ändert.

4) Wird Fax verwendet, sollte der Provider Fax-Übertragung (T.38) unterstützen, um eine gesicherte Fax-Übertragung zu gewährleisten.

5) Werden Datenverbindungen analog oder digital (ISDN) benötigt, muss das Gateway und der Provider "clear mode channel" unterstützen.

Wenn alle Voraussetzungen gegeben sind, steht einem Erfolgreichen Umstieg nichts im Wege, und wenn alles gut läuft merkt man hinterher garnicht so viel von der Veränderung.

Wenn man nicht warten möchte bis der Provider einen zum Umstieg zwingt, kann man auch darüber nachdenken selber den ersten Schritt zu tun. Man sucht sich einen unabhängigen VoIP-Provider, der alle o. g. Voraussetzungen erfüllt, lässt seine Rufnummer übertragen und macht alles so alsob der eigene Provider einen schon zum Umstieg gezwungen hätte. Damit wäre man dem unschönen Erwachen aus dem Dornröschenschlaf zuvorgekommen, und wäre unabhängig vom Internetprovider. Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, muss sich jeder selbst überlegen. Eine wichtige Sache gibt es bei dieser Variante jedoch zu bedenken: Der Umzug einer Rufnummer kann zu unvorhergesehenen Problemen und Ausfällen führen, es ist also sehr sorgfältig zu prüfen ob und wie genau ein solcher Transfer reibungslos vonstattengehen kann.

FoIP-Server (T.38) mit Windows Bordmitteln und OpenSource

Viele Unternehmen haben heute das Problem das sie in einer sich verändernden IT-Infrastruktur immernoch ein altes Relikt aus der Vergangenheit der Telekommunikation unterbringen müssen, das Fax.